Gnade

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Die heiligmachende Gnade

Die heiligmachende Gnade ist eine unverdiente übernatürliche Gabe, welche der Heilige Geist unserer Seele mitteilt, durch welche wir aus Sündern Gerechte, Kinder Gottes, und Erben des Himmels werden.

Was der Leib ist ohne die Seele, das ist die Seele ohne heiligmachende Gnade - eine Leiche. Zwar hat auch der tote Leib noch Augen, Ohren, Zunge, Hände, Füße usw., aber sie nützen ihm nichts, er kann sie nicht gebrauchen, nichts damit wirken, weil das Leben fehlt, welches diese Glieder in Bewegung setzt.

So hat auch die geistig tote Seele zwar Vernunft und freien Willen, aber sie kann damit nichts zum Heile wirken, weil ihr die heiligmachende Gnade fehlt, ohne deren Hilfe wir nichts ewig Verdienstliches vollbringen können. Wenn nur Gott der Seele die heiligmachende Gnade mitteilt, so wird sie vom Tode zum Leben erweckt, sie wird neu geboren, wird vor Gott heilig, gerecht und wohlgefällig. Der heilige Johannes nennt das auch die Wiedergeburt [Joh. 3,3]. Und so wie der Mensch durch die leibliche Geburt ein Kind des irdischen Vaters wird, der es erzeugt hat, so wird der Mensch durch die geistige Wiedergeburt, durch die Mitteilung der heiligmachenden Gnade, ein Kind Gottes, des himmlischen Vaters, welcher ihm dieses übernatürliche Leben gegeben hat. Durch die heiligmachende Gnade werden wir Kinder Gottes, aber nicht so wie Christus, Gottes Sohn, der Eingeborene des Vaters, und gleichen Wesens mit ihm ist, sondern wir werden an Kindes statt angenommen, werden Gnadenkinder, und erlangen so die Teilnahme an dem väterlichen Erbe, werden Brüder Jesu Christi und seine Miterben. Der heilige Apostel spricht das deutlich aus: „Wenn wir aber Gotteskinder sind, so sind wir auch Erben, nämlich Erben Gottes und Miterben Jesu Christi“ [Röm. 8,17].

Die heiligmachende Gnade ist ein freies Geschenk der erbarmenden Liebe Gottes. Die heiligmachende Gnade ist ein übernatürliches Gut und ein solches kann man nicht durch natürliche Kräfte erwerben. Sie ist das Leben der Seele, aber kein Toter kann sich selbst das Leben geben. Wir haben auch kein Recht, diese Gabe von Gott zu fordern: denn wir sind von Natur aus „Kinder des Zornes“, Sünder, die nichts verdienen, als Gottes Missfallen und Ungnade. Wir sind auch nicht imstande, sie von Gott zu verdienen; denn unsern Werken kommt kein übernatürlicher Verdienst zu, wenn wir nicht mit Christus vereinigt und seiner unendlichen Verdienste teilhaftig sind; aber eben durch die heiligmachende Gnade werden wir erst mit Christus vereinigt. Die Kirchenversammlungen sprechen sich dahin aus, dass es ohne Gnade unmöglich sei, irgend etwas zum ewigen Leben Ersprießliches zu tun, woraus von selbst folgt, dass die Gnade umsonst, und nicht infolge vorausgeganger Verdienste erteilt wird. Das bestätigt der heilige Paulus, der lehrt: „Alle werden gerechtfertigt ohne (ihr) Verdienst durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Jesus Christus ist“ [Röm. 3,24].

Die heiligmachende Gnade wird auch „Gnade der Rechtfertigung“ genannt, weil durch die heiligmachende Gnade der Mensch gerechtfertigt, d.h. vom Stande der Sünde in den Stand der Gerechtigkeit und Heiligkeit versetzt wird. Jemanden rechtfertigen heißt nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche einen Angeschuldigten als schuldfrei beweisen. Zu ähnlichem Sinne wird die heiligmachende Gnade auch Gnade der Rechtfertigung genannt, weil der Mensch durch dieselbe mit Christus vereinigt und seiner Verdienste innerlich teilhaftig wird, wodurch er aus dem Stande der Sünde und Schuld in den Stand der Gerechtigkeit und Schuldlosigkeit versetzt wird. So erklärt es der Kirchenrat von Trient: „Die Rechtfertigung ist die Versetzung aus dem Zustande, worin der Mensch als ein Kind des ersten Adam geboren wird, in den Stand der Gnade und Kindschaft Gottes durch den zweiten Adam, Jesus Christus“ (Szg.6, Hptst.4). Die Rechtfertigung ist also nicht eine bloße Gerecht-Erklärung, sondern eine wirkliche Gerecht-Machung, sie nimmt alle Schuld weg.

Der Prophet Ezechiel erzählt im 37. Kapitel folgendes Gesicht: „Es kam über mich die Hand des Herrn, und sie führte mich hinaus im Geiste des Herrn und ließ mich nieder inmitten des Gefildes, welches voll war von Gebeinen. Und er führte mich an ihnen vorüber ringsum; es waren aber sehr viele auf der Fläche des Gefildes, und sie waren ganz dürre. Und er sprach zu mir: „Menschensohn, glaubst du, dass diese Gebeine leben werden?“ Und ich antwortete: „Herr, Gott, Du weißt es!“ Und er sprach zu mir: „Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Verdorrte Gebeine, vernehmet das Wort des Herrn! Dies spricht Gott der Herr zu diesen Gebeinen: Seht, ich will den Geist in euch kommen lassen, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und Fleisch über euch wachsen lassen und euch mit Haut überziehen und will euch den Geist geben, damit ihr lebet und erkennet, dass ich der Herr bin.“ Und ich weissagte, wie er mir geboten; es entstand aber ein Rauschen, während ich weissagte, und siehe, es regte sich; und es fügte sich Gebein zu Gebein, jedes zu seinem Gelenke. Und ich schaute, und siehe, über dieselben kamen Sehnen und Fleisch, und Haut zog sich darüber; den Geist aber hatten sie noch nicht. Und er sprach zu mir: „Weissage zu dem Geiste: weissage, Menschensohn, und sprich zu dem Geiste: Dies sagt Gott der Herr: Komm, Odem, von den vier Winden und hauche hin über diese Toten, dass sie wieder aufleben.“ Da weissagte ich, wie er mir geboten, und der Geist kam in sie, und standen auf ihren Füßen, eine Heerschar gewaltig groß.“ – Dieses prophetische Gesicht enthält Zug für Zug ein getreues Bild der Wiederbelebung des Sünders durch die göttliche Gnade. Die Sünde hat nämlich den Menschen, der im Zustande der Unschuld in der frischen Jugendkraft eines gottähnlichen Lebens blühte, dieses höhern Lebens beraubt, hat denselben gleichsam in ein häßliches Totengerippe umgewandelt, das auf dem Felde dürr und regungslos liegen bleibt und zerfällt. Nun kommt der Geist des Herrn darüber, der die zerstreuten Gebeine wieder zusammenfügt und mit Fleisch und Haut überzieht, d.h. der Heilige Geist regt durch die zuvorkommende Gnade den Sünder zur Buße und Bekehrung an und bereitet dessen Wiederbelebung in Christus vor. Darauf kommt der Geist Gottes von neuem über ihn, haucht ihn an und gibt ihm so das übernatürliche Leben zurück. Dieser lebenspendende Hauch des Heiligen Geistes ist jene Gabe, welche wir die heiligmachende Gnade nennen. Denn durch diese Gnade wird der Mensch aus dem Zustande der Sünde in den Zustand der Heiligkeit und Gerechtigkeit versetzt, weswegen dieselbe auch „Gnade der Rechtfertigung“ heißt. Da der Zustand der Sünde ein geistiger Tod, die heiligmachende Gnade aber das übernatürliche Leben ist, so wird die Eingießung derselben nicht ohne Grund mit der Auferweckung vom leiblichen Tode verglichen. Desgleichen wird auch dieser Übergang zu einem neuen Leben eine „geistliche Wiedergeburt“ genannt.

Es ist jedoch wohl zu merken, dass der Zustand der Heiligkeit und Gerechtigkeit, in welchen wir durch die genannte Gnade versetzt werden, keineswegs verwechselt werden darf mit der christlichen Vollkommenheit, die man im gewöhnlichen Leben „Heiligkeit“ nennt. Die christliche Vollkommenheit besteht darin, dass die Liebe zu Gott unser Herz ganz erfüllt und all unser Tun und Lassen beherrscht; die „Heiligkeit“ hingegen, von der hier die Rede ist, beschränkt sich darauf, dass die Tugend der Gottesliebe überhaupt in unserem Herzen vorhanden ist. Mit der Gottesliebe aber, wie die heiligmachende Gnade sie uns mitteilt, ist auch die Freundschaft und Kindschaft Gottes und das Anrecht auf den Himmel unzertrennlich verbunden. Wie demnach die Gnade uns aus Sündern heilig und gerecht macht, so bewirkt dieselbe auch, dass wir aus Feinden Gottes seine Freunde, aus unglücklichen Sklaven des Satans Gottes vielgeliebte Kinder und Erben seines himmlischen Reiches werden. Darum sagt der heilige Johannes [1. Br. 3,1]: „Sehet, welche Liebe uns der Vater erwiesen hat, dass wir Kinder Gottes heißen und sind“; und der heilige Paulus: „Wenn aber Kinder, (so sind wir) auch Erben, nämlich Erben Gottes und Miterben Christi“ [Röm. 8,17].

Die heiligmachende Gnade ist ein ganz freies Geschenk der erbarmenden Liebe Gottes. „Denn“ so schreibt der Apostel [Röm. 5,10], „wir sind mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes, da wir noch Feinde waren.“ Sind wir aber als Feinde mit Gott versöhnt, „so werden wir alle gerechtfertigt ohne (unser) Verdienst durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Jesus Christus ist“, d.h. einzig um der Verdienste Christi willen [Röm. 3,24].

Die Rechtfertigung schließt in sich

1. die Reinigung von Sünden, wenigstens von allen schweren Sünden, sowie die Nachlassung der ewigen Strafe;

2. die Heiligung und Erneuerung des innern Menschen.

Luther und die andern Neuerer des 16. Jahrhunderts stellten die Rechtfertigung als etwas rein Äußerliches dar, als einen richterlichen Spruch Gottes, wodurch dem gläubigen Sünder in Ansehung der Verdienste Christi nur die Sündenstrafe nachgelassen, die Sünde selbst aber bloß zugedeckt, nicht mehr zur Schuld angerechnet werde. Nach dieser Lehre fände bei der Rechtfertigung keine eigentliche Tilgung der Sünde, viel weniger eine innere Umwandlung und Heiligung statt. Der Gerechtfertigte wäre und bliebe innerlich mit der Sünde befleckt wie vor der Rechtfertigung, nur würde er fortan von Gott betrachtet, als wäre er gerecht, weil er mit der Gerechtigkeit Christi gleichsam bedeckt und umkleidet sei; und dies, sagen sie, sei so lange der Fall, als der Gerechtfertigte den Glauben bewahre, um dessentwillen ihm die Gerechtigkeit Christi zugerechnet werde.

Wie verwerflich und gottlos diese Lehre ist, leuchtet von selbst ein; denn danach könnte jemand das schändlichste Lasterleben führen und dabei doch in Gottes Augen als gerecht bestehen, wo fern er nur glaubte, Luther selbst schrieb an seinem Freund Melauchthon: „Sündige herzhaft, aber sei herzhafter im Glauben und freue dich in Christo. Von diesem wird uns die Sünde nicht losreißen, wenn wir auch tausendmal in einem Tage Unzucht trieben oder totschlügen.“ Im Gegensatz zu so greulichen Irrtümern lehrt die katholische Kirche, dass die Rechtfertigung eine innere Reinigung von der Sünde und zugleich eine wahre Heiligung und Erneuerung des innern Menschen ist, vermöge welcher der Mensch aus einem Sünder in Wahrheit ein Gerechter wird.

1. Inbetreff der innern Reinigung von der Sünde lehrt das Konzil von Trient: „Wer leugnet, dass durch die Gnade Jesu Christi, welche in der Taufe mitgeteilt wird, die Erbsünde nachgelassen werde, aber wer behauptet, es werde nicht alles das, was das Wesen der Sünde ausmacht, getilgt, sondern nur äußerlich beseitigt oder nicht angerechnet, der sei im Banne.“ (Siz. 5, Kan. 5.) Was hier von der Erbsünde gesagt ist, gilt in gleicher Weise auch von allen übrigen vor der Taufe begangenen Sünden: Sie werden durch das Sakrament der Taufe völlig aus der Seele getilgt gleichwie die Flecken eines Kleides durch eine geeignete Waschung nicht überdeckt, sondern wahrhaft beseitigt worden. Und wie die in der Taufe erhaltene Rechtfertigung die Tilgung der Sünde zur Folge hat, so verhält es sich auch bei jeder folgenden Rechtfertigung, sei es das dieselbe im Sakramente der Buße oder auf andere Weise erlangt wird. Denn niemals wird nach der Lehre der katholischen Kirche der Mensch gerechtfertigt, ohne dass er wenigstens von allen schweren Sünden gereinigt würde.

Desgleichen wird auch jedesmal zugleich mit der Sünde die ewige Strafe derselben nachgelassen. Die zeitlichen Strafen hingegen werden gemäß der Lehre des Konzils von Trient denen, welche nach der Taufe in die Sünde zurückgefallen sind, nicht immer ganz nachgelassen, während bei der Taufe auch diese völlig getilgt werden. Deshalb werden im Sakramente der Buße Fasten, Almosen, Gebete und andere fromme Übungen als Genugtuung für die zurückbleibenden Sündenstrafen auferlegt, was bei der Taufe nicht der Fall ist.

Die Lehre der Kirche von der wahren Tilgung der Sünden durch die Gnade der Rechtfertigung ist auch in der Heiligen Schrift mit so klaren und kräftigen Worten ausgesprochen als nur immer möglich. Sie sagt, die Sünden werden getilgt [Jes, 43,25], hinweggenommen, in die Tiefe des Meeres versenkt [Mich. 7,19], Gott „macht sie schwinden wie eine Wolke, wie einen Nebel“. [Jes. 44,22]. Der Sünder wird abgewaschen [1. Kor. 6,11], gereinigt [1. Joh. 1,7], weißer als der Schnee [Jes. 50,9], so dass „nichts Verdammenswürdiges mehr in ihm sich findet“. [Röm. 8,1].

Zwar bedient sich die Heilige Schrift auch an der einen oder anderen Stelle des Ausdrucks „die Sünden zudecken“ [z.B. Ps. 31,1; Röm. 4,7]; allein auch diese Stellen sind im Sinne einer wirklichen Tilgung der Sünde zu verstehen. Dazu nötigen uns schon die vorgenannten und hundert ähnlichen Stellen, die klar und deutlich eine wirkliche Hinwegnahme der Sünde aussprechen.

2. Bezüglich der innern Umwandlung oder Heiligung lehrt die katholische Kirche, dass die Gerechtigkeit Christi uns nicht etwa bloß wie ein Kleid umgeworfen wird, sondern „dass dieselbe uns wirklich gerecht macht, so dass wir, im Innersten unserer Seele erneuert, in aller Wahrheit gerecht heißen und sind, indem wir die Gerechtigkeit in uns aufnehmen, ein jeder die seinige nach dem Maße, dass der Heiligen Geist jedwedem erteilt.“ Deshalb erklärt der Kirchenrat von Trient (Kan. 11) ausdrücklich: „Wer lehrt, die Menschen würden gerechtfertigt lediglich durch Zurechnung der Gerechtigkeit Christi oder bloß durch Nachlassung der Sünden mit Ausschluss der Gnade und Liebe, die durch den Heiligen Geist in ihre Herzen ausgegossen wird und ihnen innewohnt … der sei im Banne.“ – Nach katholischer Auffassung wird also durch die Rechtfertigung das Unkraut der Sünde im Erdreiche unseres Herzens nicht bloß abgeschnitten, sondern ausgerissen und an dessen Stelle wahre, übernatürliche Tugend eingepflanzt, mit anderen Worten, der Mensch wird durch die rechtfertigende Gnade nicht bloß entsündigt, sondern auch der Verheißung Christi gemäß „in Wahrheit geheiligt“. [Joh. 17,17.19].

Das übernatürliche Ebenbild Gottes in der Seele, welches durch die Sünde getilgt war, wird wiederhergestellt und durch den göttlichen Hauch der heiligmachenden Gnade ein neues, himmlisches Leben wieder geweckt. Durch dieselbe wird die Seele mit höhern Kräften zur Übung gottgefälliger Werke tüchtig gemacht, mit göttlichen Tugenden ausgestattet, mit den kostbarsten Gaben des Heiligen Geistes bereichert, ja, in gewissem Sinne der göttlichen Natur teilhaftig gemacht. Darum sagt der Apostel von den Gerechtfertigten, dass sie nicht bloß abgewaschen, sondern auch geheiligt seien im Geiste unseres Gottes [1. Kor. 6,11]; dass der Heilige Geist reichlich auf sie ausgegossen sei [Tit. 3,5]; dass sie die Fülle der Gaben und der Gerechtigkeit erhalten haben [Röm. 5,17]; und der heilige Petrus [2. Br. 1,4], dass sie der göttlichen Natur teilhaftig werden. Die Heiligkeit der Gerechtfertigten ist also keine bloße Abwendung vom Bösen, sondern auch eine tatkräftige Hinneigung zum Guten. Diese Gerechtigkeit ist ein heiliger, gnadenreicher Zustand, an welchem Gott besonders Wohlgefallen hat. Wenn die Schrift beteuert, es sei Gottes Wonne, bei den Menschenkindern zu sein [Spr. 8,31], so gilt dieses vorzüglich von jenen Seelen, in welchen sein göttliches Ebenbild in frischem himmlischen Tugendschmucke prangt. Bei solchen Seelen nimmt Gott Einkehr und schlägt in denselben seinen Wohnsitz auf nach den Worten des Heilandes: „Wenn jemand mich liebt, so wird mein Vater ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ [Joh. 14,23]. Der heilige Gerard Majella bewahrte sein ganzes Leben die heiligmachende Gnade. Ebenso der heilige Aloysius, Stanislaus Kostka, Johannes Berchmanns; die heilige Thersia, Agnes, Agatha und viele andere Heilige. Folge ihnen nach!

Die Gnade des Beistandes oder die wirkliche Gnade

Das Evangelium des heiligen Matthäus 2. Kapitel 25. Vers u. ff. erzählt uns zwei Wunderbegebenheiten, in welchem wir Jesu göttliche Machtvollkommenheit sehen. Zuerst heilt er ein Weib, welches zwölf Jahre an Blutflüsse gelitten hatte, dann weckt er die Tochter eines Synagogenvorstehers vom Tode auf. Beide Wunderwerke sind ein schönes Bild eines jeden Menschen, wie er von der Sünde zur Gerechtigkeit, vom Tode der Seele zum Leben derselben gelangt - nämlich durch die Gnade, die von Jesus als eine wiederbelebende und am Leben erhaltende Kraft ausfließt.

Dieses Weib hatte, wie der heilige Markus ausführlicher erzählt, vieles von vielen Ärzten gelitten, und ihr ganzes Vermögen aufgewendet, ohne dass es mit ihr besser geworden wäre. Das ist das gänzliche Unvermögen des Menschen, der weder aus und durch sich, durch sein schwaches Vermögen, noch auch durch menschliche Hilfe, durch Lehren der bloßen Vernunft und Weisheit der Welt, zur Gesundheit des Geistes, zur Befreiung von der Sünde, in den Zustand der Gerechtigkeit kommen kann, er bedarf dazu einer göttlichen Einwirkung. Dieses Weib bedurfte auch einer solchen Einwirkung. Wie gelangt sie aber dazu? Vorerst durch die zuvorkommende, dann durch eine hinreichende, endlich durch eine wirksame Gnade. Die zuvorkommende Gnade war es, dass sie von Jesus hörte, wodurch ihr die erste Veranlassung gegeben wurde, sich an ihn zu wenden; die hinreichende Gnade war der Entschluss, der in ihr entstand, sich zu Jesus zu begeben; die wirksame Gnade endlich war jener Antrieb, dem sie nicht mehr widerstand, sondern sich im tiefen Glauben Jesus näherte, und den Saum seines Kleides berührte, worauf ihre Heilung erfolgte.

Dies ist auch der gewöhnliche Gang, wodurch der sündhafte Mensch zum Stande der Gerechtigkeit oder zur heiligmachenden Gnade gelangt. Die Gnade kommt ihm dadurch zuvor, dass er vom Glauben, von der christlichen Gerechtigkeit, von der Unschuld und Tugend hört; nimmt er dieses Wort, diese Rede und Ermahnung auf, so verleiht ihm Gott einen weiteren, inneren Antrieb, der, wenn er ihm folgt, hinreicht, ihn zur Erkenntnis des Glaubens, zur Liebe der Tugend zu bringen, und auf diesen Antrieb erfolgt dann nicht selten eine solche Gnade, die ihn bestimmt, wirklich zu glauben, und die erkannte Tugend und Gerechtigkeit auszuüben, wodurch er von der Sünde geheilt wird.

Wie durch die blutflüssige Frau, so wird auch durch die vom Tode erweckte Tochter des Jairus ein, vielmehr jeder vom Tode der Sünde zum Leben der heiligmachenden Gnade erweckte Mensch dargestellt. Jesus begibt sich selbst in das Haus der Toten, nicht als könnte er sie nicht in seiner Abwesenheit erwecken, sondern um recht augenfällig zu zeigen, dass Gott dem Menschen mit seiner Gnade zuvorkommen, dass seine Rechtfertigung von Gott den Anfang nehmen, dieser zuerst sich des Menschen annehmen müsse. Er weist den unnützen, lärmenden Haufen Menschen hinaus, und behält nur die Eltern der Verstorbenen und drei Jünger bei sich. So müssen wir auch den ersten Schritt zu unserer Bekehrung damit machen, dass wir jene unnützen Leute, Fremde und Bekannten entfernen, die unseren geistigen Tod nicht verstehen und nur beibehalten, was zu unserer Wiederbelebung gehört, gut und heilig ist. Jesus ruft der Toten zu. Da kehrte ihr Geist zurück, sagte der heilige Lukas, und sie stand sogleich auf, und wandelte umher. So besteht auch das Wesen der Bekehrung in der Zurückkehr des Geistes Gottes in unsere Seele, d.h. in der Wiedererlangung der heiligmachenden Gnade, die wir durch Jesu Macht empfangen, worauf wir aufstehen und wandeln in christlichen Tugenden. „Und Jesus befahl, ihr zu essen zu geben.“ So müssen wir, wenn wir einmal aufrecht stehen, auch gestärkt werden durch geistige Nahrung, damit wir aber nicht wieder zurückfallen in die vorigen Todesschwächen, in Sünde und Laster.

Wir sehen somit aus beiden Wunderbegebenheiten, wie uns zu unserer Bekehrung und Hinwendung zu Gott göttliche Hilfe und göttliche Unterstützung notwendig ist, notwendig auch dann, wenn wir die heiligmachende Gnade schon haben, damit wir sie nicht verlieren, sondern fähig sind zu jeglichem guten Werke. Diese göttliche Hilfe und Unterstützung ist aber die wirkliche Gnade.

Die wirkliche Gnade ist eine übernatürliche Hilfe, eine innerliche, von Gott kommende Kraft, wodurch wir in den Stand gesetzt werden, das Gute anzufangen, fortzusetzen und zu vollenden.

Durch die unglücklichen Folgen der Erbsünde hat der Verstand des Menschen sich verfinstert, er erkennt das Gute nicht, wie er es erkennen sollte; der Wille des Menschen ist so verkehrt, dass er am Guten kein standhaftes Wohlgefallen hat; die sittliche Kraft des Menschen ist so geschwächt, dass er für sich allein das Gute nicht vollkommen zustande zu bringen und nicht darin zu beharren vermag.

Gehen wir nun einen Schritt weiter. Soll der Mensch seine Bestimmung erreichen, so ist es vor allem notwendig, dass er das Gute erkenne; denn wer sollte das tun können, was er nicht sieht und nicht erkennt? Es ist eben so, als wenn der Blinde ohne Führer einen ihm noch dazu unbekannten Weg gehen soll. Das ist nicht möglich! Es ist aber nicht genug, dass der Mensch bloß das Gute an sich erkenne, er muss auch erkennen, auf welche Art er es am besten zu vollbringen vermöge, wie er den Irrtümern in Ansehung der Wahrheit, den Reizen zur Sünde, den Täuschungen der Verführung und allen Gefahren geschickt entgehen könne. Ist aber dies schon hinreichend? Unsere eigene Erfahrung sagt: nein. Ach! Am Wissen, Verstehen und Begreifen fehlt es uns nicht. Gut genug wissen wir, was wir zu tun haben, aber am Tun, an der Ausführung des Guten, an der Vollziehung desselben fehlt es. So seufzt selbst der heilige Paulus: „Ich tue nicht das Gute, das ich will (erkenne), sondern das Böse tue ich, das ich hasse.“ [Röm. 7,15. 19.] Die Erkenntnis des guten allein reicht also noch nicht hin, um es auch wirklich in Vollziehung zu setzen; es wird dazu noch etwas Mehreres erfordert, nämlich die Änderung unseres verkehrten Willens. Der Wille muss nämlich auch ein Wohlgefallen am erkannten Guten finden, das Gute muss für uns einen gewissen Reiz erhalten, wir müssen es liebgewinnen, und angelockt von diesem Reize des Guten, müssen wir auch ein ernstliches Verlangen erhalten, dieses Gute, so uns wohlgefällt, auszuüben. Auch dafür spricht die Erfahrung.

Wir erkennen z.B. diese oder jene Tugend, dieses oder jenes Werk der Frömmigkeit, wir können nicht anders, wir müssen sagen: Das ist gut, recht und schön; aber eine gewisse Gleichgültigkeit dagegen hält uns ab, es selbst zu tun. So gut, so schön diese oder jene Tugend ist, so ist doch etwas Gewisses in uns, welches uns den wahren Wert dieser Tugend vor unseren Augen verbirgt, und uns kein wahres Wohlgefallen daran finden lässt, weswegen wir uns auch keine sonderheitliche Mühe geben, es auszuüben. Es ergeht uns da wie einem Kranken. Er weiß, dass diese oder jene Speise gesund und kräftig sei, für ihn aber hat sie etwas widerliches, er empfindet Ekel, wenn er sie nur ansieht, und er wird sich nicht eher entschließen, diese Speise zu sich zu nehmen, bis er den Ekel verloren hat, und wieder Geschmack an ihr findet. So muss der Mensch nebst der Erkenntnis des Guten und seiner Pflichten auch ein Wohlgefallen daran erhalten, das Gute muss auf ihn einen solchen Eindruck machen, dass er von ganzem Herzen wünscht, es auch auszuüben. Ist aber jetzt alles schon hinreichend, dass wir das Gute wirklich tun, und unsere Pflichten erfüllen, wenn wir es erkennen und auch Wohlgefallen daran haben? Ach!

Dieses alles ist noch nicht genug. Der heilige Brosper sagt: „Darum, dass uns ein guter Wille geschenkt wird, finden wir nicht auch gleich die Kraft in uns, das Gute, dass wir wollen, zu vollziehen, wenn nicht Gott, der uns die gute Begierde eingegeben hat, auf unser Suchen und Flehen auch die Vollziehung schenkt.“Die wirkliche Ausübung des Guten ist oft mit vielen Beschwerlichkeiten verbunden, viele Hindernisse stoßen uns auf dem Wege der Tugend auf, wir selbst machen uns oft die abschreckendsten Vorstellungen von der Schwere eines tugendhaften Lebens, und der Feind unserer Seele ermangelt nicht, uns alle möglichen Schwierigkeiten vorzuspiegeln. Es ergeht uns wie den Israeliten, welche weinten und wehklagten, und wieder umkehren wollten, weil ihnen die Kundschafter, die aus Kanaan zurückkehrten, sagten, es sei ein Land, von lauter Riesen und Menschenfressern bewohnt, von denen sie unfehlbar würden aufgerieben werden. Auch wir stellen uns das Land der Tugend oft voll solcher Riesen vor, voll von Mühseligkeit und Beschwerde. Die Überwindung, welche das Gute kostet, und vieles andere benimmt uns den Mut; wir sind wirklich zu schwach, als dass wir durch eigene Kräfte alles zustande bringen könnten. Da unterlassen wir dann lieber das Gute, als dass wir uns solchen Beschwerlichkeiten unterziehen, so gerne wir es auch vollziehen wollten, und es uns wohlgefällt.

Ein Kranker z.B. erkennt, dass er seine Gesundheit nicht anders erlangen kann, als wenn er sich einer langen und schmerzlichen Operation unterwirft, er sollte sich brennen, er sollte sich ein Glied von seinem Leibe nehmen lassen, er weiß, dass dieses das einzige Mittel sei, ihm das Leben zu retten, er hat sein Leben lieb, er erkennt auch den Wert dieser ärztlichen Kunst, und schätzt sie hoch, aber es kostet unsägliche Schmerzen, es veranlasst einen großen Aufwand seines Vermögens, er glaubt, nicht kräftig genug zu sein, diese Operation auszuhalten; dieses und vieles andere schreckt ihn ab, sie an sich vornehmen zu lassen. Was bedarf dieser Kranke außerdem, dass er sein Leben liebt, und den Wert dieser ärztlichen Kunst erkennt? Mut und Entschlossenheit und Kraft, sich wirklich diesen Beschwerden zu unterwerfen und sie auszuhalten. So bedarf der Mensch nebst der Erkenntnis des Guten und des Wohlgefallens daran auch noch die sittliche Kraft, die Schwierigkeiten des Guten zu überwinden, alle Hindernisse zu übersteigen, alle Beschwerden zu besiegen.

Wenn wir auch das Gute wirklich üben, wirklich die Beschwerlichkeiten der Tugend überwinden, wie leicht können wir wieder in schwere Sünden zurückfallen, wie leicht im Guten ermüden und davon ablassen! Es ist uns also noch etwas notwendig, nämlich – die Beharrlichkeit, denn nur „wer bis zum Ende verharrt, wird selig werden“. So bedarf auch der Kranke, wenn er gesund zu werden angefangen hat, stärkender Mittel, damit er nicht wieder in seine Krankheit zurückfalle. Über dieses mannigfaltige Bedürfnis des Menschen seufzt der heilige Paulus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe des Todes?“ das ist, von diesen Unvermögen, in welchem ich weder das Gute erkennen, noch, wenn ich es erkannt habe, dasselbe aufrichtig liebgewinnen und wollen, noch, wenn ich es liebgewonnen habe und will, es ausüben, noch, wenn ich es ausübe, darin beharren kann? Und er antwortet sich selbst auf seine Frage: „Die Gnade Gottes durch Jesus Christus, unsern Herrn.“ [Röm. 7, 24.25.]

Und diese Gnade ist nun die wirksame Gnade. Sie ist also ein innerliches, übernatürliches Licht von Gott, durch welches unser Verstand erleuchtet wird, das Gute zu erkennen; ein Licht, in welchem wir zugleich die Gefahren erkennen, im welchen wir uns befinden, und jene Täuschungen bemerken, welche die Verführung zum Bösen hat; sie ist ein Licht, welches uns die Irrtümer aufdeckt, uns unsere Vorurteile, unsere bösen Neigungen und Gewohnheiten darstellt, und uns Wahrheiten schauen lässt, die uns Fleisch und Blut nicht schauen lässt. Die wirkliche Gnade ist ferner eine innere, übernatürliche Kraft, vermöge welcher, nach dem Ausdrucke des heiligen Augustin, „für uns das Gute reizend und ergötzlich wird, wozu wir bisher keine Luft hatten“; eine Kraft, die unser Herz rührt, und in demselben das Gefühl für himmlische Tugend erweckt. Die wirkliche Gnade ist weiters eine innere, übernatürliche Stärkung, vermöge welcher wir das Gute, so wir erkennen und liebgewinnen, wirklich ausüben; eine Stärkung, durch welche unsere guten Vorsätze Wirksamkeit erhalten, dass sie nicht sogleich wieder vergehen, sobald sie gemacht sind; eine Stärkung, vermöge der wir wirklich dem Laster entsagen und die Tugend ausüben; eine Stärkung, durch die wir die Beschwerden des Guten, alle Hindernisse überwinden, und alle Mühen ertragen, alle Kämpfe bestehen. Die wirkliche Gnade ist endlich ein innerer, übernatürlicher Beistand, wodurch wir bis zum Ende im Guten erhalten, vor dem Rückfalle beschützt, in der Beharrlichkeit bewahrt werden. Schön sagt der heilige Augustin von der wirklichen Gnade: „Wir haben nicht nur die Hilfe nötig, ohne die wir niemals im Guten anfangen könnten, wenn wir schon wollten, sondern auch eine so starke Hilfe, welche macht, dass wir es wirklich wollen, es annehmen und darin beharren; eine Hilfe, die uns gibt, nicht nur zu können, was wir wollen, sondern auch zu wollen, war wir können, und zwar so sehnlich zu wollen, so inbrünstig zu lieben, dass diese Gnade den Willen des Fleisches, dessen Begierlichkeit dem Geiste immer widerstrebt, durch den Willen des Geistes überwinde.“ Die wirkliche Gnade ist verschieden, je nachdem die Lage, in welcher sich der Mensch befindet, oder das Bedürfnis seiner Seele verschieden ist.

Die wirkliche Gnade ist verschieden

1. der Zeit nach, und

2. ihren Wirkungen nach.

Wenn wir die wirkliche Gnade betrachten 1. der Zeit nach, zu welcher oder wann sie uns erteilt wird, so ist sie:

a) eine zuvorkommende,

b) eine begleitende,

c) eine nachfolgende.

Die wirkliche Gnade, der Zeit nach genommen, ist, wie wir sagen, a) eine zuvorkommende. Diese ist nämlich jene innere Wirkung und Eingebung Gottes, wodurch er einen noch in Unglauben oder Sünden schlafenden Menschen, ehe noch in seinem Herzen selbst ein Wunsch zum Glauben oder zur Besserung erwacht, zuvor erweckt, sei es dann auf was immer für eine Weise, durch irgend einen guten Gedanken, oder durch eine Furcht, die er wegen seines Seelenheiles empfindet, oder durch einen Gewissensbiss, den er über sein sündhaftes Leben fühlt, oder durch einen andern Umstand, der sich ihm ereignet. Durch diese innere Einsprache, oder was es immer sein mag, sucht Gott den Ungläubigen, den Sünder, ohne dass der Ungläubige, der Sünder Gott sucht. Von dieser Gnade redet David, wenn er sagt: „Seine (Gottes) Barmherzigkeit wird mir zuvorkommen“ [Ps. 58,11], wie auch der heilige Paulus, da er an die [Epheser 5,14] schreibt: „Erwache aus dem Schlafe, und stehe auf von den Toten, und Christus wird dich erleuchten;“ und an die Kolosser [2,13]: „Da ihr in Sünde tot laget, hat euch Gott mit Christus erweckt.“ Christus selbst deutet diese zuvorkommende Gnade an, da er in der geheimen Offenbarung [3,20] sagt: „Siehe, ich stehe vor der Türe und klopfe an, wandle und tue Buße!“ Du bist z.B. ein Un- oder Irrgläubiger, auf einmal wird es dir bei dieser oder jener Gelegenheit bange, ob du wohl doch selig werden könnest, wenn du so leichthin allen Glauben abwirfst, ob wohl doch der Glaube der katholischen Kirche nicht der rechte, dein Glaube aber der irrige sei, und wenn dieses, ob du in deinem Irrglauben nicht verloren gehst? Sieh, das ist eine dir zuvorkommende Gnade. Du bist ein Sünder, einmal, Du weißt nicht wie, geht es dir wie ein Stich durch das Herz, vielleicht jetzt, da du dies hörst; du kannst es dir selbst nicht mehr verbergen, daß dein Leben einmal kein christliches sei, und du bei einem solchen Leben nicht eingehen kannst in das Reich Gottes. Sieh, das ist eine dir zuvorkommende Gnade.

Was ist nun b) die begleitende Gnade? Sie ist eine innere Wirkung, ein übernatürlicher Einfluß Gottes auf uns, auf unsern Willen nämlich, welcher Einfluß, welche göttliche Kraft uns unterstützt, dass wir das Gute, so er uns eingibt, oder wozu er uns innerlich erweckt, auch wirklich tun können, dass wir die Hindernisse zu überwinden, die Beschwerden, die mit unserer Bekehrung und mit der Ausübung der Tugend verbunden sind, zu übertragen und zu besiegen vermögen. David sagt von dieser Gnade: „Seine Barmherzigkeit wird mich alle Tage begleiten.“ [Ps. 22,6]. Der heilige Paulus an die Römer [8,26]: „Der Geist kommt unserer Schwachheit zu Hilfe.“ Das Konzil von Trient sagt davon: „Gott ermahnt durch seinen Befehl, zu tun, was du kannst, und um das zu bitten, was du nicht kannst, und steht dir bei, es zu können.“ Der heilige Augustin beschreibt nach seiner eigenen Bekehrung die begleitende Gnade also: „Durch die Gnade wächst der gute Wille, der schon seine Entstehung erlangt hat, und wird allmählich so stark, dass er die göttlichen Gebote, wie er will, wenn er es doch sehnlich und vollkommen will, erfüllen könne.“

Endlich dann c) die nachfolgende Gnade ist jene innere Wirkung, jener übernatürliche Einfluss Gottes, wodurch dein schon guter Wille immer mehr im Guten befestigt und in der Ausübung des Guten gestärkt wird; jene göttliche Hilfe, durch welche du immer mehr im Guten zunimmst, ja von Tugend zu Tugend gelangst, also immer einen neuen, übernatürlichen Einfluss erhältst, die Tugend, die du schon ausübst, noch vervollkommnest. Sie ist eine Gnade, die du gleichsam immer für den guten Gebrauch einer andern als Belohnung von Gott empfängst, die auf eine vorhergegangene, wohl angewendete Gnade folgt. Jesus redet von dieser Gnade, wenn er sagt: „Wer hat, dem wird noch gegeben werden.“ Du hast z.B. bisher deinem Feinde im Herzen verziehen, du folgtest hierin einem inneren Antriebe, du konntest es vermöge der mitwirkenden Gnade; jedoch reden mit ihm, das konntest du noch nicht, wie du sagst, über dein Herz bringen; aber du lässt doch keinen neuen Groll wider ihm in deinem Herzen aufkommen, du wirkst mit der ersten Gnade. Nun begegnet dir dein Feind, du möchtest ihm ausweichen, aber du empfindest einen inneren Antrieb, ihn zu begrüßen; es kostet dich eine Überwindung, aber du bestehst sie, du begrüßest ihn, fortan redest du auch mit ihm; das ist eine zweite Gnade Gottes, die auf den guten Gebrauch der ersten folgte; endlich begibt es sich, dass du von deinem Feinde Böses reden, ihm schaden könntest, du kommst in Versuchung, es zu tun, aber der Gedanke fährt durch deine Seele: Tue es nicht! Eine innere Kraft stärkt dich, du redest von deinem Feinde nicht nur nichts Böses, sondern sogar Gutes; du schadest ihm nicht nur nicht, sondern erweisest ihm einen Gefallen, stiftest Nutzen für ihn; das ist nun die dritte, auf die zwei vorigen angewendeten Gnaden folgende Gnade; endlich kannst du deinen Feind sogar lieben. Sieh! Das nenne ich die nachfolgende Gnade. Und so könnte ich von jeder Tugend reden, in der man es durch die nachfolgende Gnade zur Vollkommenheit bringen kann.

Nun will ich aber auch von der wirksamen Gnade 2. ihren Wirkungen noch reden, und so betrachtet, ist sie

a) eine hinreichende, b) eine wirksame, c) eine beständige.

Die wirkliche Gnade, ihren Wirkungen nach, ist, wie wir sagen, a) eine hinreichende, das heißt, die Gnade, welche uns Gott gibt, ist eine solche, dass sie hinreicht, das Gute zu tun, wenn nur der Mensch mit dieser Gnade mitwirken wird; aber diese Gnade hat die Eigenschaft, dass sie nicht wirkt, wenn ihr der Mensch widersteht. Z.B. du empfindest in dir einen Antrieb, eine böse Gesellschaft zu verlassen, verderbliche Bücher nicht mehr zu lesen, eine böse Leidenschaft in dir zu unterdrücken, oder in Zukunft das Wort Gottes fleißig anzuhören, diese Tugend dir eigen zu machen, diese Selbstüberwindung zu üben, oder du siehst dieses gute Beispiel, diesen auferbaulichen Wandel an einem andern; das gefällt dir, du hast einen geheimen Wunsch, eben dies zu tun, so zu leben; es wird nun sonntäglich die christliche Lehre erklärt, du hast Gelegenheit, dich gründlich in der Religion zu unterrichten, du erhältst von Seite deiner Eltern und Lehrer schöne Ermahnungen und Warnungen; sieh, dies alles und tausend ähnliche Dinge sind hinreichende Gnaden; sie sind hinlänglich, dieses Gute in dir zu wirken, „wenn du nur getreulich willst und mitarbeitest, du kannst es leisten“. Aber du kannst diesen Gnaden auch widerstehen, und dann sind sie unwirksam, und, wie der Heilige Geist in den Sprichwörtern [1,24] sagt: „Dein Verderben ist aus dir selbst, Israel!“ Von dieser hinreichenden Gnade sagt Gott bei dem Propheten Isaias [5, 1-7], wo er Israel mit einem Weinberge vergleicht: „Urteilet selbst … was müsste ich noch tun, das ich nicht schon getan habe?“ und 5. Mos. 30,19 sagt er: „Ich habe euch gerufen, und ihr habet euch geweigert; ich habe meine Hand ausgestreckt, und niemand hat darauf gesehen.“ Jesus aber sagte von dieser Gnade: „Wehe dir, Chorozaim etc. etc.“ [Matt. 11,21], und wieder: „Jerusalem! Wie oft etc. etc.“ [Matt. 23,37]; der heilige Paulus aber sagt: „Wir ermahnen euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfanget! [2. Kor. 6,1]; und ferner: „Unterdrücket den Geist nicht in euch!“ [1. Thess. 5,9]

Ich muss aber zum Schlusse eilen, daher noch kurz, b) was die wirksame Gnade sei? „Sie ist eine solche übernatürliche, göttliche Kraft, dass sie das Gute, wozu sie Gott dem Menschen erteilt, nachdrücklich und unfehlbar wirkt, so zwar, dass dieser Gnade der freie menschliche Wille nie widersteht; denn, wie Augustinus sagt, „sie wird in der Absicht gegeben, damit alle Härte des Herzens gehoben wird.“ Dieser Gnade folgt der Mensch augenblicklich. Bei dem Propheten Ezechiel [36, 26.27] bezeichnet Gott diese Gnade also: „Ich will euch ein neues Herz geben … und solche Leute auch aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln, und meine Rechte halten, und darnach tun.“ Jesus sagt davon: „Sie werden alle von Gott gelehrt sein. Wer es nun hört vom Vater, der lernt es und kommt.“ [Joh. 6,37] „Kraft dieser Gnade,“ sagt Augustin, „lehrt er mit solchem Nachdrucke, dass ein jeder, was er lernt, nicht bloß erkennt und sieht, sondern auch will und verlangt, ja, dass er es wirklich tut und vollbringt.“ „Der allmächtige Gott besitzt die Gewalt, unser Gemüt, wie er es will, zu lenken; er hat unsern Willen viel vollkommener in seiner Macht, als wir in der unserigen.“ Eine solche wirksame Gnade war jene, welcher der heilige Matthäus auf den ersten Ruf folgte; jene, auf deren Einfluss Zachäus, der mit Jesus Gekreuzigte, der heilige Paulus folgte.

Endlich noch: c) was ist die beständige Gnade? Sie ist göttliche Wirkung in uns, vermöge der wir entweder von unserer Taufunschuld an, oder von unserer wahren Bekehrung an bis an das Ende unseres Lebens in der Tugend und Gerechtigkeit verharren. Gott drückt sie durch Jeremias [32,40] aus: „Ich will ihnen meine Frucht ins Herz geben, dass sie nicht von mir abweichen;“ das ist, sagt Augustin, „meine Frucht, die ich ihnen ins Herz geben werde, soll so wirksam sein, dass sie mir beharrlich anhangen.“ Jesus selbst bittet für seine Apostel: „Heiliger Vater! Erhalte sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast.“ [Joh. 17,11.] Der heilige Apostel Petrus sagt von dieser Gnade: „Wir werden von der göttlichen Kraft durch den Glauben zur Seligkeit bewahrt.“ Lasset uns ohne Unterlass zu Gott um jede Gnade beten, und in Demut hoffen, dass der, „welcher in uns das Gute angefangen hat, es auch bis an den Tag unseres Herrn Jesu Christi vollbringen werde.“ [Phil. 1,6] Schließe diese Betrachtung mit dem Gebete der Kirche: „O Herr! Komm unseren Handlungen durch Deine Eingebung zuvor, und begleite sie mit Deiner Hilfe, damit jedes unserer Werke von Dir allzeit anfange, und nach einem solchen Anfange durch Dich geendigt werde."

Quelle: Das dreifache Reich Gottes, Impr. 1911

Link: Martin v. Cochem im FJM-Glaubensforum