Theresia Benedikta vom Kreuz

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Heilige Theresia Benedikta vom Kreuz

Teresia Benedicta vom Kreuz als Ordensfrau

[Edith] Stein OCD

Ordensfrau und Märtyrin; Mitpatronin Europas

Geburtstag und -ort

12. Oktober 1891 Breslau, Polen

Sterbetag

9. August 1942 KZ Auschwitz, Polen

Seligsprechung

1. Mai 1987 Köln, Deutschland

Heiligsprechung

11. Oktober 1998 Rom, Italien

Gedenktag

9. August

Vorwort

»Edith Stein - auf der Suche nach Gott«, so lautet der Titel eines der vielen Bücher über die jüdische Philosophin, die zur Ordensschwe­ster in dem einzigen in Israel gegründeten Orden, nämlich im Karmel, und zur Märtyrin im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zusammen mit Millionen von Angehörigen des jüdischen Volkes ge­worden ist. Man könnte den genannten Buchtitel auch dahin abwan­deln: »Edith Stein - auf der Suche nach dem Messias.« Der größte Sohn des jüdischen Volkes, hat gesagt: »Wer sucht, der findet, wer anklopft, dem wird aufgetan...« [Lk 11,9f]. So läßt sich das Leben dieser jüdischen Konvertitin, die von Papst Johannes Paul II. am 1. Mai 1987 in Köln seliggesprochen wurde, gut charakterisieren. Sie nahm das Suchen und Anklopfen sehr ernst. Darum fand sie den Messias, der ihr im Kreuz das Tor zur ewigen Seligkeit auftat. Sie wollte aber, in Solidarität mit ihren jüdischen Brüdern und Schwe­stern, daß auch möglichst viele von ihnen den Messias und in Ihm das Heil fänden. Um das bat die große Beterin im Karmel in inständigem Gebet, dem sie durch ihr Lebensopfer im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gewissermaßen die Unfehlbarkeit der Erhörung verschaffte. Sie wurde dabei ihrem Ordensnamen gemäß zur

»Bene­dicta a cruce«, zu »der vom Kreuz her Gesegneten«.

Biografie, Ihr Leben und Wirken

Edith Stein wurde am »Jörn Kippur«, am jüdischen Versöhnungs­tag, 12. Oktober 1891, als jüngstes von elf Kindern einer strenggläu­bigen jüdischen Familie in Breslau geboren. Das Datum bekam für das ganze, nur 51 Jahre dauernde Leben dieser Jüdin tiefe symbolische Bedeutung, wie sie selbst in ihrer Lebensskizze »Aus dem Leben einer jüdischen Familie« vermerkte: »Der höchste jüdische Feiertag ist der Versöhnungstag, der Tag, an dem einst der Hohepriester ins Allerheiligste eintrat und das Versöhnungsopfer für sich und das ganze Volk darbrachte, nachdem der >Sündenbock<, auf den alle Sünden des Volkes geladen worden waren, in die Wüste hinausge­trieben worden war.«

Die Mutter, Frau Auguste Stein, geb. Courant, verlor ihren damals erst 48jährigen Gatten durch einen ganz plötzlichen Tod auf einer Geschäftsreise. Edith war damals erst etwas mehr als zwei Jahre alt. Die tapfere Mutter mußte sich nun um das Holzgeschäft des Vaters sorgen, um sich und den Kindern den nötigen Lebensunterhalt zu verschaffen. Sie kümmerte sich aber auch vorbildlich um die rechte Erziehung der großen Kinderschar, von der sie die beiden jüngsten, Erna und Edith, ganz besonders liebte. Ihnen suchte sie vor allen an­deren die rechte gläubige Verehrung des Gottes Israels durch das Ge­bet und den eifrigen Gottesdienstbesuch in der Synagoge von Breslau beizubringen.

Trotzdem kam es bei der überaus intelligenten, temperamentvollen und frühreifen Edith schon in früher Kindheit zum Zusammenbruch des jüdischen Kinderglaubens. Sie bekannte später, daß sie vom 13. bis zum 21. Lebensjahr nicht mehr an die Existenz eines persönlichen Gottes glauben konnte. An die Stelle des naiven Kinderglaubens trat bei ihr aber sehr stark und intensiv das ernste Suchen nach der Wahr­heit.

Nach ihrem Abitur im März 1911 besuchte Edith Stein die Universi­tät in ihrer schlesischen Heimatstadt Breslau. Da sie den Lehrberuf anstrebte, belegte sie die Fächer Germanistik, Geschichte und Psy­chologie; sie wollte die Grundlagen und den Sinnzusammenhang der menschlichen Existenz mit dem Kernproblem der Seele als dem Mit­telpunkt der menschlichen Person kennenlernen. Dabei erlebte sie in den Vorlesungen und Seminaren bald eine große Enttäuschung, denn hier wurde einer »Psychologie ohne Seele« das Wort geredet. Sie machte dabei sehr handgreiflich Bekanntschaft mit den Folgen des modernen Atheismus.

Im Jahre 1913 begann sie das Studium in Göttingen. Schon bald spürte sie in den Vorlesungen von Professor Husserl in erfreulicher Weise die Hinwendung zur Wahrheit des Seienden und die Überwin­dung des Subjektivismus, weil diesem Phänomenologen, der eben­falls wie Edith Stein aus dem Judentum kam, die philosophische Wahrheit über alles ging. Leider aber machte er bei dieser halt. Erst im Sterben drang er noch sehr bewußt zum Transzendenten vor.

Für Edith Stein war es ein Glück, daß sie in Göttingen auch den Phänomenologen Max Scheler kennenlernen konnte, dessen Neuentdeckung des Christlichen ihr wichtige Denkanstöße hin zur Erkenntnis gab, daß eigentlich nur die Religion den Menschen zum Menschen macht. In der Konfrontierung mit der Welt des Christlichen stieß Edith Stein auf die Urnot ihres Herzens, auf die Frage nach dem Ewigen, das in den Dingen aufleuchtet. Sie selber schrieb:

»Das war die erste Berührung mit der mir bis dahin völlig unbekannten Welt. Sie führte mich noch nicht zum Glauben, aber sie erschloß mir einen Bereich von >Phänomenen<, an denen ich nun nicht mehr blind vor­beigehen konnte.«

Der Existenzmöglichkeit Gottes konnte sie sich von da an nicht mehr verschließen. Inzwischen war der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Viele Studentin­nen meldeten sich für den Dienst in den Lazaretten. Edith Stein ent­schied sich für das Seuchenlazarett in Mährisch-Weißkirchen, wo sie mit großer, opferbereiter Liebe die an Flecktyphus, Ruhr und Cho­lera erkrankten Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee pflegte.

Im Jahre 1916 erhielt Prof. E. Husserl einen Ruf an die Universität Freiburg im Breisgau. Er lud Edith Stein ein, seine Assistentin zu wer­den, weil er schon in Göttingen ihre Intelligenz und Hilfsbereitschaft schätzen gelernt hatte.

Noch im gleichen Jahr 1916 promovierte Edith Stein »summa cum laude« zur Doktorin der Philosophie und brachte ihre ersten Publi­kationen heraus: »Psychische Kausalität«, »Individuum und Gemein­schaft« und »Eine Untersuchung über den Staat«. 1919 zog sich Edith Stein nach Breslau zurück, um dort ihre wissen­schaftlichen Arbeiten fortzusetzen. Daneben bemühte sie sich um endgültige Klärung ihrer religiösen Fragen.

Im Sommer 1921 geschah dann das »Wunder«, das ihrem »langen Suchen nach dem wahren Glauben ein Ende setzte«. Sie verbrachte damals einen längeren Urlaub bei dem befreundeten Ehepaar Conrad-Martius in Bergzabern, einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz. An einem Sommerabend griff sie nach einer Lektüre im Bücherschrank ihrer Gastgeberin und stieß dabei auf die Selbstbiographie der Kir­chenlehrerin der Mystik, Teresa von Avila. Das Buch fesselte sie. Sie las und las die ganze Nacht. Als sie am Morgen endlich das Buch schloß, sagte sie sich:

»Das ist die Wahrheit!«

Sie hatte in dieser Hei­ligen-Biographie ihr eigenes Lebensschicksal gelesen und erkannt: Gott ist nicht ein Gott der Philosophen und der Wissenschaft, Gott ist die Liebe, und seine Geheimnisse erschließt uns nicht der schritt­weise, schlußfolgernd vorgehende Verstand, sondern die gläubig liebende Hingabe. Der suchenden Edith Stein ging bei der Lektüre der Selbstbiographie der hl. Teresa von Avila beglückend die Tatsache auf, daß das Innerste und Eigentlichste der Seele kein unbekanntes X ist, das die Wissenschaft zur Erklärung seelischer Phänomene auf­stellt, »sondern etwas, was uns Menschen im Gebet und in der heben­den Hingabe aufleuchten und spürbar werden kann, wenngleich es immer geheimnisvoll bleibt«:

der liebende, barmherzige Gott, der uns in Jesus Christus gegenübertritt.

Tags darauf kaufte sich Edith Stein einen katholischen Katechismus und ein Schott-Meßbuch. Nachdem sie beides gründlich studiert hatte, betrat sie zum ersten Mal ein katholisches Gotteshaus, die Stadtpfarrkirche von Bergzabern. Dort feierte gerade der Geistliche Rat Breitling das heilige Meßopfer. Sie ging zu diesem Priester und bat ihn kurzerhand um die heilige Taufe. Diese wurde auf den Neu­jahrstag 1922 festgesetzt. Am gleichen Tag empfing sie auch den Leib des Herrn und machte von da an die tägliche Mitfeier des sakramen­tal gegenwärtig gesetzten Kreuzesopfers Christi zum Zentrum ihres Lebens. Am Lichtmeßtag (2. Februar) 1922 empfing sie im Sakrament der Firmung die sieben Gaben und jene Früchte des Heiligen Geistes, zu denen in besonderer Weise auch Friede und Freude gehören. Tat­sächlich beeindruckte Edith Stein von da an alle ihre Freunde durch die große, friedvolle Freude, die sie als Neubekehrte ausstrahlte. Die Gnade der Wiedergeburt im Heiligen Geist bewirkte in ihr, daß sie fast gleichzeitig auch den deutlichen Ruf in sich vernahm, ihr künfti­ges Leben ganz Gott zu weihen und der hl. Teresa in den Karmel nachzufolgen. Sie schrieb später: »Als ich am Neujahrstag 1922 die heilige Taufe empfing, dachte ich, daß dies nur die Vorbereitung zum Eintritt in den Orden sei. Aber als ich einige Monate später nach mei­ner Taufe zum ersten Mal meiner lieben Mutter gegenüberstand, wurde mir klar, daß sie diesem neuen Schlag vorläufig nicht gewach­sen sei; sie würde zwar daran nicht sterben, aber es würde sie mit einer Verbitterung erfüllen, die ich nicht verantworten könnte.« Als Edith Stein nach ihrer Rückkehr aus Bergzabern nach Breslau ih­ren Angehörigen, vor allem der Mutter ihre Konversion mitteilen mußte, rechnete sie mit dem Schlimmsten, sogar mit dem Verstoßen­ werden. Die jüdische Familie Stein sah ja, weil sie nur Volksbräuche des schlesischen Katholizismus vor Augen hatte, in der katholischen Religion nur eine Art abergläubischer Sekte. Die Geschwister konn­ten sich ihre verehrte und überaus intelligente Schwester Edith un­möglich auf den »Knien rutschend« und die »Schuhe der Priester küssend« vorstellen. Die Liebe der Mutter aber blickte tiefer; sie fühlte, daß ihr eifernder Zorn hier nicht am Platze war, sondern daß Gott in unbegreiflicher Weise seine Hand auf ihr liebstes Kind gelegt hatte. Sie konnte hier nur weinen.

Die Jahre nach Edith Steins Konversion waren eine besonders frucht­bare Zeit des äußeren und inneren Hineinwachsens in die Kirche; da­bei wollte sie möglichst schnell ihren Plan des Ordenseintrittes ver­wirklichen. Ihr Seelenführer, Generalvikar Schwind von Speyer aber lehnte ihre eiligen Klosterpläne vor allem aus Rücksicht auf ihre jüdi­sche Mutter ab und verschaffte ihr zunächst einen passenden Arbeits­platz bei den Dominikanerinnen in St. Magdalena in Speyer, die eine gute Deutschlehrerin gesucht hatten. Edith Stein unterrichtete nun acht Jahre lang am Mädchenlyzeum und an der Lehrerinnenbil­dungsanstalt der Speyerer Dominikanerinnen. Sie wurde dabei den Schülerinnen nicht nur eine geschätzte Lehrerin, sondern auch eine geistige Mutter, deren Liebe oft ersetzte, was den jungen Menschen im Elternhaus fehlte.

In Speyer lebte Edith Stein wie eine Dominikanerin unter Dominika­nerinnen; sie hatte bei ihnen eine geistige Heimat gefunden und legte privat sogar die drei Ordensgelübde ab. Durch den gelehrten Jesuiten P. Erich Przywara wurde sie in Speyer auch angeregt, ihr wissen­schaftliches Arbeiten wieder aufzunehmen und die Briefe des großen englischen Kardinals und Konvertiten John Henry Newman und die »Quaestiones disputatae de veritate« des hl. Thomas von Aquin ins Deutsche zu übersetzen. Was sie am hl. Thomas von Aquin bei dieser Übersetzerarbeit besonders schätzte, war vor allem seine ehrliche Wahrheitssuche, die vor nichts zurückschreckte und keine Angst hatte, dabei auch heidnische Gelehrte der Antike wie Piaton und Ari­stoteles zu befragen, wo deren natürliche Erkenntnis auf die ewige Wahrheit verweist. Unter der Führung des »Doctor angelicus« öff­nete sich der Geist der jüdischen Konvertitin immer mehr der »Philosophia perennis«, die ihren Niederschlag in ihrem Werk »Endliches und ewiges Sein« fand.

Als Edith Stein im Herbst 1922 ihren hochgeschätzten bisherigen Seelenführer Prälat Schwind durch Tod verlor, fand sie im Erzabt Raphael Walzer OSB von Beuron einen neuen Berater, dessen Wei­sungen sie mit kindlichem Gehorsam befolgte. Auch er verweigerte ihr den allzu raschen Eintritt in den Karmel, zumal er überzeugt war, daß sie in der Welt zu Großem berufen sei.

Während Edith Stein in Beuron eine Zufluchtsstätte des Gebetes und der Verborgenheit suchte und fand, erweiterte sich ihr geistiger Wir­kungsbereich über Deutschland hinaus, denn sie wurde jetzt immer wieder gebeten, als Fachreferentin über moderne Frauenprobleme zu sprechen.

Edith Steins ausgedehnte Vortragstätigkeit, ihre Thomas-Überset­zung und ihre philosophische Auseinandersetzung mit der Phänomenologie bewirkten, daß sie schießlich gedrängt wurde, den Schul­dienst aufzugeben und sich an einer Universität zu habilitieren. Der Katholische Deutsche Akademikerverband war stolz darauf, in ihr eine katholische Philosophin von Format in seinen Reihen zu besit­zen und drängte sie zur Habilitierung. Sie versuchte dies in Freiburg im Breisgau 1931, aber vergeblich; nicht nur ihr Geschlecht, sondern auch ihre Rasse verhinderten es, denn damals stieß aufgrund des hochgespielten Antisemitismus die Dozentur und Professur eines Ju­den, erst recht einer jüdischen Frau, bereits auf scharfe Ablehnung. Schließlich erreichte Edith Stein im Frühling 1932 der Ruf an die Pädagogische Akademie in Münster in Westfalen. Nur ein einziges Jahr der Wirksamkeit war ihr dort beschieden. In­mitten der wissenschaftlichen Arbeit dürstete ihre Seele nach der Ganzhingabe an Gott im Ordensstand, aber immer noch wurde ihr die Erlaubnis dazu von ihrem Seelenführer verweigert mit dem Hin­weis, daß sie doch wie bisher auch in Zukunft durch hochstehende Vorträge auf den Salzburger Hochschulwochen, auf Tagungen des Katholischen Akademikerverbandes und des Katholischen Frauen­bundes unsagbar viel für das Reich Gottes wirken könne. Übrigens führte Edith Stein in Münster mit viel Takt und Geschick manche ihrer jüdischen Freunde zum katholischen Glauben. Dabei wandelte sie sich als große Beterin und Aszetin immer mehr in echter Verinnerlichung, so daß eine jüdische Jugendfreundin, die durch sie zur Konversion geführt worden war, von ihr aussagen konnte: »Wie hat sich doch Edith damals verändert: Wo Ehrgeiz gewesen war, da war nur noch ruhige Abgeklärtheit. Wo Egoismus gewesen war, da war nur noch Verstehen und Güte. Mit unendlicher Geduld hat sie mit mir diskutiert über Persönliches, über Glaubensfragen, über phi­losophische Probleme und über alles, was uns damals bewegte.« Was diese jüdische Jugendfreundin und Edith Stein selbst damals ganz besonders bewegte, war der immer mehr anwachsende Antise­mitismus und der Beginn der Judenverfolgung. Es gingen Edith Stein bald die Augen auf für das »Holocaustum«, das die Juden und mit ih­nen auch sie erwartete.

Trotz ihrer großen Vaterlandsliebe als Deutsche war sich Edith Stein auch nach ihrer Taufe immer voll Stolz ihrer jüdischen Abstammung bewußt geblieben. Sie dachte bei der beginnenden Judenverfolgung nicht etwa nur egoistisch an sich, sie dachte an ihr Volk und an die vielen, die von der Brutalität des Rassenhasses ergriffen und vielleicht vernichtet würden. Sie fürchtete vor allem für ihre jüdischen Freunde und Angehörigen in Breslau. Einmal gestand sie dem Jesuiten P. Hans Hirschmann gegenüber: »Sie glauben nicht, was es für mich be­deutet, Tocher des auserwählten Volkes zu sein, nicht nur geistig, sondern auch blutmäßig zu Christus zu gehören.« Sehr bald überstürzten sich im Dritten Reich die Ereignisse. Der zur Macht gekommene Nationalsozialismus machte aus seinem Juden­haß kein Hehl mehr. Viele Juden wurden über Nacht stellungslos, es kam schon bald zu Gewaltakten gegen schuldlose jüdische Men­schen. In dieser Situation wollte Edith Stein die durch ihre Zugehö­rigkeit vielleicht bald in Existenznot geratende Katholische Pädago­gische Akademie in Münster nicht gefährden. Nach vielem Gebet um Klarheit bezüglich ihrer Zukunft beschloß sie, ihre Tätigkeit in Mün­ster aufzugeben und nun ihren Wunsch, im Karmel Gott in der Ganzhingabe zu dienen, zu verwirklichen. Sie erhielt sowohl von Erzabt Raphael Walzer als auch von der Priorin des Karmels in Köln-Lindenthal die Erlaubnis zum Eintritt.

Mit 42 Jahren fand sie sich dort einer Schar von Mitnovizinnen bei­gesellt, die um zwanzig Jahre jünger waren und denen alles viel leich­ter fiel als ihr, der Spätberufenen, in all dem, was der Karmel seinen Schwestern abverlangen muß. Aber sie fügte sich demütig und gehor­sam und wuchs in den Geist des Karmels sehr rasch und gut hinein. Bei der Einkleidung am 15. April 1934 erhielt sie auf eigenen Wunsch den Namen »Sr. Teresia Benedicta a cruce«, »die vom Kreuz geseg­nete Teresia«. In diesem Namen wollte sie ihre Verbundenheit mit dem teresianischen Geist des Karmels und ihre Dankbarkeit gegen­über den Benediktinern von Beuron und dem Erzabt Raphael Walzer und dessen segensreicher, kluger Seelenführung zum Ausdruck brin­gen, aber auch ihre Liebe zum Kreuzesleiden Christi, das sie als Quelle der Erlösung aller Menschen, vor allem auch des auserwähl­ten Volkes umfaßte. Sie hatte ja erahnt, daß nun der Schatten des Kreuzes ganz stark nicht bloß auf sie, sondern auf das ganze jüdische Volk gefallen war.

Sr. Benedicta - wie Edith Stein nun mit gekürztem Ordensnamen ge­rufen wurde - verbrachte ihr Noviziatsjahr in großem Eifer und er­greifender Gewissenhaftigkeit. "Wie für die anderen Novizinnen wechselte ihr Tagewerk zwischen Gebetszeiten und einfachen Haus­arbeiten ab. Mit Mühe und Anstrengung versuchte sie, es den Mit­schwestern im Putzen, Waschen und Flicken gleichzutun. Bald aber wünschten die Vorgesetzten, daß sie auch ihre literarischen und wis­senschaftlichen Fähigkeiten wieder zum Einsatz bringe. Daneben durfte sie auch, wöchentlich einen Brief an die schwergeprüfte Mutter nach Breslau senden und in gewissen Grenzen auch die Beziehungen mit manchen Freunden und Ratsuchenden aus ihrem großen Be­kanntenkreis aufrechterhalten.

Am 21. April 1935 konnte Sr. Benedicta ihre ersten Gelübde ablegen. Kurz nachdem sie den Schlußstrich unter ihr großes Werk »Endli­ches und ewiges Sein« gezogen hatte, traf sie ein großer Schmerz; am 14. September 1936, am Fest der Kreuzerhöhung, während sie im Chor der Zeremonie der Gelübdeerneuerung beiwohnte, starb ihre greise Mutter in Breslau nach schwerem Todeskampf. Das bis zu ih­rem Tod im Alter von 87 Jahren anhaltende große Leid dieser gläubi­gen und tapferen jüdischen Frau waren die Konversion und der Or­denseintritt ihres jüngsten Kindes. Im Winter 1936 konnte Rosa Stein, Sr. Benedictas Schwester, die lang geplante Konversion voll­ziehen. Sr. Benedicta hatte durch einen unglücklichen Treppensturz Hand- und Fußgelenk gebrochen. So konnte sie im Krankenhaus ih­rer leiblichen Schwester Rosa den letzten Konvertitenunterricht er­teilen und an ihrer Taufe teilnehmen. Im Winter 1937 übernahm Sr. Benedicta das klösterliche Amt der »Windnerin«, bei dem sie den Verkehr von der Außenwelt zum Klo­ster zu regeln und viele Laufereien zu bewältigen hatte. Dieses Amt bot ihr aber auch manche Gelegenheit, mit viel Güte und Hilfsbereit­schaft anderen kleine Liebesdienste zu erweisen. Am 21. April 1938 durfte Sr. Benedicta ihre ewigen Gelübde ablegen. Die Jahre von 1938 bis 1942 wurden für sie zu einer Zeit völliger Er­gebung in den Willen Gottes. Sie hatte immer mehr das Furchtbare zu ahnen begonnen. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938, in der beschämenden »Kristallnacht« brach mit aller Wucht die Ver­folgung über die Juden herein. Überall brannten die Synagogen. Je­der anständige Deutsche war darüber entsetzt, aber niemand wagte eine laute Anklage zu erheben, weil sie sofort in Blut und Tod er­stickt worden wäre.

Als die Nachricht von dieser Schandtat in den Kölner Karmel drang, war Sr. Benedicta wie erstarrt von Schmerz; was sie jahrelang voraus­geahnt hatte, wurde jetzt grauenhafte Wirklichkeit.

Erschüttert brach sie in die Klage aus: »Das ist der Schatten des Kreuzes, der auf mein Volk fällt. O wenn es doch zur Einsicht käme! Das ist die Erfül­lung des Fluches, den mein Volk auf sich herabgerufen hat...« Mit fieberhafter Eile bemühten sich nun die Geschwister von Sr. Be­nedicta, samt ihren Kindern nach Amerika auszureisen. Nur Else und Erna konnten noch zum Bruder Arno nach Amerika gelangen. Paul und Frieda aber nicht mehr. Auch das Schicksal der Schwester Rosa war vorläufig unsicher. Da Palästina die Einwanderungen sperrte, bat Mutter Teresia Renata, die Oberin im Kölner Karmel, die Karmelitinnen in der Stadt Echt im benachbarten Holland, sie möchten doch Sr. Benedicta und ihre leibliche Schwester Rosa in ihr Kloster aufnehmen.

Der Abschied von Köln am 31. Dezember 1938 fiel sowohl Sr. Bene­dicta als auch ihren Mitschwestern schwer. Am Silvesterabend brachte ein treuer Freund des Karmels Sr. Benedicta mit dem Auto über die holländische Grenze. In einem Brief an Baroneß Bodmann, eine Freundin aus der Speyrer Zeit, schrieb Sr. Benedicta: »Am Silve­sterabend bin ich hier (im Karmel zu Echt, Holland) angelangt. Es war für uns alle im Kölner Karmel ein schwerer Entschluß, uns zu trennen. Aber ich hatte die feste Überzeugung, daß es so der Wille Gottes sei und daß damit Schlimmeres verhütet werden könnte...

Hier bin ich mit der größten Liebe aufgenommen worden. Die guten Schwestern haben alles aufgeboten, um mir so schnell wie möglich die Einreise zu erwirken, und haben mir mit ihren Gebeten die Wege geebnet.«

In einem anderen Brief von Ende 1939 schrieb Sr. Benedicta: »Meine Grundstimmung, seit ich hier bin, ist Dankbarkeit; Dank, daß ich hier sein darf und daß das Haus so ist, wie es ist (nämlich eine Oase des Friedens). Dabei ist immer in mir lebendig, daß wir hier keine bleibende Stätte haben. Ich habe kein anderes Verlangen, als daß an mir und durch mich Gottes Wille geschehe. Bei ihm steht es, wie lange er mich hier läßt und was dann kommt...« Im Jahre 1940 erlebte Sr. Benedicta die große Freude, auch ihre Schwester Rosa im Karmel zu Echt geborgen zu wissen. Nach aben­teuerlichen Schwierigkeiten war es ihr gelungen, über Belgien nach Holland zu fliehen. Rosa Stein diente von da an dem Karmel von Echt als treue Pförtnerin; sie erwarb sich dabei das Vertrauen der Karmelitinnen und der Bevölkerung von Echt. Gerne wäre sie als ein­gekleidete Pfortenschwester dem Karmelitenorden angegliedert worden, aber die Vorgesetzten wagten dies nicht mehr wegen der Si­tuation, die für die beiden jüdischen Schwestern immer gefährlicher wurde, wie die aus Luxemburg und Deutschland kommenden Nach­richten zeigten; darin wurde gemeldet, die Nationalsozialisten hät­ten begonnen, einen Karmel nach dem anderen aufzulösen. Sr. Benedicta machte sich innerlich auf das Äußerste gefaßt und schrieb: »Wir haben uns zur Klausur verpflichtet, aber Gott hat sich nicht verpflichtet, uns immer in den Klausurmauern zu lassen... Wohl dürfen wir bitten, daß uns diese Erfahrung erspart bleibt, aber nur mit dem ernst und ehrlich gemeinten Zusatz: Nicht mein, son­dern Dein Wille geschehe!« Aus dem am 9. Juni 1939 verfaßten Testament ersieht man, daß Sr.Benedicta mit ihrem nahen Martertod rechnete: »Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unter­werfung unter Seinen heiligsten Willen mit Freude entgegen. Ich bitte den Herrn, daß Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu Seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen der heiligsten Herzen Jesu und Mariae und der heiligen Kirche, insbesondere für die Erhaltung, Heiligung und Vollendung unseres heiligen Ordens, namentlich des Kölner und des Echter Karmels, zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes, und damit der Herr von den Seinen aufgenommen werde und Sein Reich komme in Herrlichkeit, für die Rettung Deutschlands und den Frieden der Welt, schließlich für meine Angehörigen, Lebende und Tote, und für alle, die mir Gott ge­geben hat: daß keines von ihnen verlorengehe.« Als 1940 die deutsche Wehrmacht Holland, die neue Heimat der Sr. Benedicta, überfiel und besetzte, wurde es ihr bald klar, daß sie nicht mehr lang in Holland bleiben könne, ohne den Karmel in Echt zu ge­fährden, denn die Judenverfolgung war längst auch auf die besetzten Gebiete ausgedehnt worden.

Während im Osten bereits Krematorien und Vergasungskammern eingerichtet wurden, um »die Judenfrage« der berüchtigten »Endlö­sung« zuzuführen, erhielten in Holland die Juden, darunter auch Sr. Benedicta und Rosa Stein, bereits eine Vorladung nach der anderen durch die SS. Es wurde ihnen auch befohlen, an ihrer Kleidung den gelben Judenstern anzubringen.

In dieser Situation fing Sr. Benedicta an, sich um ein Visum in die Schweiz zu bemühen in der Hoffnung, in den Karmel von Le Päquier, Kt. Fribourg, übersiedeln zu können. Sie versuchte alles, um noch auf legalem Weg Holland verlassen zu können. Die Verschleppung der nichtchristlichen Juden in den Osten ging all­mählich auch in Holland unaufhörlich weiter, zum Entsetzen der christlichen Holländer, die dagegen laut protestierten. Vor allem ta­ten dies in sehr energischer Weise auch die katholischen Bischöfe Hollands in einem Hirtenbrief, der am 26. Juli 1942 im ganzen Land verlesen wurde.

Eine Woche nach dem Protest der holländischen Bischöfe kam die wahre Reaktion der NS-Behörden: Mit einem Schlag wurden - ent­gegen der gemachten Zusage, daß die christlichen Juden unbehelligt bleiben würden - nun auch alle katholischen Juden und die jüdischen Mitglieder der holländischen Klöster verhaftet. Der 2. August 1942 war ein Sonntag. Sr. Benedicta verbrachte ihn im Gebet und mit der Durchsicht der »Kreuzeswissenschaft«, einer Stu­die über Leben und Mystik des hl. Johannes vom Kreuz, an der sie im Auftrag ihrer Vorgesetzten in den letzten neun Monaten gearbeitet hatte. Um fünf Uhr nachmittags läutete die Hausglocke zur gemein­samen Betrachtungsstunde. Da ertönte plötzlich ein Klingelzeichen an der Pforte: zwei SS-Offiziere standen da und forderten von der Priorin Sr. Antonia die sofortige Auslieferung von Sr. Benedicta und ihrer Schwester Rosa Stein. Ein schmerzliches Abschiednehmen folgte. Der Überfallwagen, der an der Straßenecke gewartet hatte, nahm die beiden Jüdinnen auf und brachte sie mit anderen in rasen­der Fahrt von Echt nach Roermond auf die Ortskommandantur. Von dort kamen sie in ein Sammellager in Amersfoort, das die Gefange­nen mitten in der Nacht erreichten. War die Behandlung durch die SS bisher höflich gewesen, so wurden nun die jüdischen Gefangenen mit Schlägen und Kolbenstößen in die Schlafsäle getrieben. Die Gefangenen wurden schließlich in den Norden des Landes, in das Sammellager Westerbork verschleppt, wo sie ihr weiteres Schick­sal abwarten mußten. Es folgte die leidvolle Fahrt in den Osten. Dort endete dann für Sr. Benedicta und Rosa Stein im Konzentra­tionslager Auschwitz-Birken der Kreuzweg. Zusammen mit Mil­lionen jüdischer Brüder und Schwestern mußten sie ihn dort zu Ende gehen in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. Als Todesda­tum wurde für die beiden gerichtsnotarisch für tot erklärten Schwe­stern der 9. August 1942 angegeben:

Im »Niederländischen Staatsan­zeiger« war 1950 erklärt worden:

»Nr. 44074 Edith Teresia Hedwig Stein, geb. 12. Oktober 1891 zu Breslau, von Echt, gest. 9. August 1942 O. Nr. 44 075 Rosa Maria Agnes Adelheid Stein, geb. 13. Dezember 1883 zu Lublizitz (D.), von Echt, gest. 9. August 1942 I.«

Sr. Benedictas letztes wissenschaftliches Werk über ihren Ordens­vater Johannes vom Kreuz - sie gab ihm den vielsagenden Titel »Kreuzeswissenschaft« - blieb unvollendet. Und doch hat sie es groß­artig vollendet, nicht in geschriebenen Worten, sondern in der zei­chenhaften Ganzhingabe an den gekreuzigten und auferstandenen Messias und in der Verwirklichung dessen, was sie kurz zusammen­gefaßt in der »Kreuzeswissenschaft« so formuliert hatte:

»Die bräut­liche Vereinigung der Seele mit Gott ist das Ziel, für das sie geschaf­fen ist; erkauft durch das Kreuz, vollzogen am Kreuz und für alle Ewigkeit mit dem Kreuz besiegelt.«

Ansprache Papst Johannes-Pauls II. zur Seligsprechung

Die Ansprache Johannes Pauls II. bei der Seligsprechung von Edith Stein in Köln schildert in ergreifender Weise diese neue Selige so: »Selig sind, die aus der Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewän­der gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht« [Offb 7,14]. Unter diesen seligen Männern und Frauen grüßen wir heute in tiefer Verehrung und mit heiliger Freude eine Tochter des jüdischen Volkes, reich an Weisheit und Tapferkeit. Aufgewachsen in der strengen Schule der Tradition Israels, ausgezeichnet durch ein Leben der Tugend und Entsagung im Orden, bewies sie eine heldenmütige Gesinnung auf dem Weg ins Vernichtungslager. Vereint mit dem ge­kreuzigten Herrn gab sie ihr Leben dahin »für den wahren Frieden« und »für das Volk«: Edith Stein, Jüdin, Philosophin, Ordensfrau, Märtyrin.

Mit der heutigen Seligsprechung geht ein langersehnter Wunsch nicht nur der Erzdiözese Köln, sondern auch vieler Christen und Ge­meinschaften in der Kirche in Erfüllung. Vor sieben Jahren hat die gesamte Deutsche Bischofskonferenz diese Bitte einmütig an den Heiligen Stuhl gerichtet; zahlreiche befreundete Bischöfe aus ande­ren Ländern haben sich ihr angeschlossen. Groß ist deshalb unser al­ler Freude, daß ich heute diesem Wunsch entsprechen kann und Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz in dieser festlichen Liturgie den Gläubigen im Namen der Kirche als Selige in der Herrlichkeit Gottes vor Augen stellen darf. Wir dürfen sie fortan als Märtyrin ver­ehren und um ihre Fürsprache am Throne Gottes bitten. Hierzu be­glückwünsche ich uns alle, vor allem aber ihre Mitschwestern im Karmel hier in Köln und in Echt sowie in ihrer ganzen Ordensgemein­schaft. Daß bei dieser Liturgiefeier auch jüdische Brüder und Schwe­stern, besonders aus der Verwandtschaft Edith Steins, zugegen sind, erfüllt uns mit großer Freude und Dankbarkeit. »Herr, offenbare dich in der Zeit unserer Not, gib mir Mut!« [Est 4,17].

Die Worte dieses Hilferufes aus der ersten Lesung der heutigen Li­turgie spricht Esther, eine Tochter Israels, zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Ihr Gebet, das sie in der Stunde einer tödlichen Be­drohung ihres ganzen Volkes an Gott, den Herrn, richtet, erschüttert uns tief:

»Herr, unser König, du bist der einzige. Hilf mir! Denn ich bin allein und habe keinen Helfer außer dir; die Gefahr steht drohend über mir... Du, Herr, hast Israel aus allen Völkern erwählt. Du hast dir unsere Väter aus allen ihren Vorfahren als deinen ewigen Erbbesitz ausgesucht... Denk an uns, Herr... rette uns mit deiner Hand!« [Est 4,17].

Die tödliche Angst, vor der Esther zittert, war entstanden, als unter dem Einfluß des mächtigen Haman, eines Todfeindes der Juden, der Befehl zu ihrer Vernichtung im ganzen Perserreich erlassen worden war. Mit Gottes Hilfe und dem Einsatz ihres eigenen Lebens hat Esther damals zur Rettung ihres Volkes entscheidend beigetragen.

Dieses Gebet um Hilfe, weit über zweitausend Jahre alt, legt die heu­tige Festliturgie der Dienerin Gottes Edith Stein in den Mund, einer Tochter Israels unseres Jahrhunderts. Es ist wieder aktuell geworden, als hier im Herzen Europas erneut der Plan zur Vernichtung der Ju­den gefaßt wurde. Eine wahnsinnige Ideologie hat ihn im Namen ei­nes unseligen Rassismus beschlossen und mit gnadenloser Konse­quenz durchgeführt.

Gleichzeitig zu den dramatischen Ereignissen des Zweiten Weltkrie­ges errichtete man eilends die Vernichtungslager und baute die Ver­brennungsöfen. An diesen Schreckensorten fanden mehrere Millio­nen Söhne und Töchter Israels den Tod: von Kindern bis zu betagten Greisen. Der ungeheure Machtapparat des totalitären Staates hat da­bei niemanden verschont und die grausamsten Maßnahmen sogar ge­gen jeden ergriffen, der den Mut hatte, die Juden zu verteidigen. Edith Stein ist im Vernichtungslager von Auschwitz als Tochter ihres gemarterten Volkes umgekommen. Trotz ihrer Übersiedlung von Köln in den niederländischen Karmel von Echt fand sie nur vorüber­gehend Schutz vor der wachsenden Judenverfolgung. Nach der Be­setzung Hollands wurde auch dort die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten umgehend in die Wege geleitet, wobei die getauften Juden zunächst ausgenommen wurden. Als aber die katho­lischen Bischöfe der Niederlande in einem Hirtenbrief gegen die De­portation der Juden scharf protestierten, verfügten die Machthaber als Rache dafür die Vernichtung auch der Juden katholischen Glau­bens. So trat Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz zusammen mit ihrer leiblichen Schwester Rosa, die ebenfalls im Karmel zu Echt Zu­flucht gefunden hatte, den Weg ins Martyrium an. Beim Verlassen ihres Klosters faßte Edith ihre Schwester bei der Hand und sagte nur: »Komm, wir gehen für unser Volk.« Aus der Kraft opferbereiter Christusnachfolge sah sie auch in ihrer scheinba­ren Ohnmacht noch einen Weg, ihrem Volk einen letzten Dienst zu erweisen. Bereits einige Jahre vorher hatte sie sich selbst mit der Kö­nigin Esther im Exil am persischen Hof verglichen. In einem ihrer Briefe lesen wir: »Ich vertraue darauf, daß der Herr mein Leben für alle (Juden) genommen hat. Ich muß immer wieder an die Königin Esther denken, die gerade darum aus ihrem Volk genommen wurde, um für das Volk vor dem König zu stehen. Ich bin eine sehr arme und ohnmächtige kleine Esther, aber der König, der mich erwählt hat, ist unendlich groß und barmherzig.«

Neben dem Gebet der Esther steht in dieser Festmesse die zweite Le­sung aus dem Galaterbrief. Der Apostel Paulus schreibt dort: »Ich will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt« [Gal 6,14] Auf ihrem Lebensweg ist auch Edith Stein diesem Geheimnis des Kreuzes begegnet, das der heilige Paulus in diesem Brief den Chri­sten verkündet. Edith ist Christus begegnet, und diese Begegnung hat sie Schritt für Schritt in die Klausur des Karmels geführt. Im Vernich­tungslager ist sie als Tocher Israels zur Verherrlichung des heiligsten Namens (Gottes) und zugleich als Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz - als vom Kreuz Gesegnete - gestorben. Der ganze Lebensweg von Edith Stein ist geprägt von einer unermüd­lichen Suche nach der Wahrheit und erhellt vom Segen des Kreuzes Christi. Sie begegnete dem Kreuz zum erstenmal in der glaubensstar­ken Witwe eines Studienfreundes, die, statt durch den tragischen Verlust ihres Mannes zu verzweifeln, aus dem Kreuz Christi Kraft und Zuversicht schöpfte. Sie schreibt darüber später: »Es war meine erste Begegnung mit dem Kreuz und der göttlichen Kraft, die es sei­nen Trägern mitteilt... Es war der Augenblick, in dem mein Un­glaube zusammenbrach, ... und Christus aufstrahlte; Christus im Geheimnis des Kreuzes.« Ihr eigener Lebens- und Kreuzweg ist zuinnerst mit dem Schicksal des jüdischen Volkes verbunden. In einem Gebet bekennt sie dem Heiland, daß sie darum wisse, „daß es sein Kreuz sei, das jetzt auf das Jüdische Volk gelegt würde«; und alle, die das verstünden, »müßten dies im Namen aller bereitwillig auf sich nehmen. Ich wollte das tun, er sollte mir nur zeigen wie«. Zugleich erhält sie die innere Gewißheit, daß Gott ihr Gebet erhört hat. Je häufiger die Hakenkreuze auf den Straßen zu sehen waren, um so höher richtete sich das Kreuz Jesu Christi in ihrem Leben auf. Als sie als Schwester Teresia Benedicta a cruce in den Kölner Karmel ein­trat, um am Kreuz Christi noch tieferen Anteil zu erhalten, wußte sie, daß sie »dem Herrn im Zeichen des Kreuzes vermählt« war. Am Tag ihrer ersten Profeß war ihr nach ihren eigenen Worten zumute »wie der Braut des Lammes«. Sie war davon überzeugt, daß ihr himmli­scher Bräutigam sie tief in das Geheimnis des Kreuzes hineinführen werde.

Teresia, die vom Kreuz Gesegnete - das ist der Ordensname jener Frau, die ihren geistlichen Weg mit der Überzeugung begonnen hatte, daß es überhaupt keinen Gott gebe. Zur damaligen Zeit, in den Jahren ihrer Jugend und ihres Studiums, war die Zeit für sie noch nicht vom erlösenden Kreuz Christi geprägt, bildete aber bereits den Gegenstand ständigen Suchens und Forschens ihres scharfen Ver­standes. Als fünfzehnjährige Schülerin in ihrer Heimatstadt Breslau beschließt die in einem jüdischen Elternhaus geborene Edith, »nicht mehr zu beten«, wie sie selbst bekennt. Obwohl sie zeitlebens von der strengen Gläubigkeit ihrer Mutter tief beeindruckt war, gerät sie in ihrer Jugend- und Studienzeit in die geistige Welt des Atheismus. Sie hielt das Dasein eines persönlichen Gottes für unglaubhaft. In den Jahren ihres Studiums der Psychologie und Philosophie, der Geschichte und der Germanistik in Breslau, Göttingen und Freiburg spielte Gott zunächst keine Rolle. Dabei huldigte sie jedoch einem »hochgespannten ethischen Idealismus«. Entsprechend ihrer hohen geistigen Begabung wollte sie nichts ungeprüft hinnehmen, nicht ein­mal den Glauben ihrer Väter. Sie will den Dingen selber auf den Grund gehen. Darum sucht sie unermüdlich nach der Wahrheit. Im späteren Rückblick auf diese Zeit geistiger Unruhe erkennt sie doch darin eine wichtige Stufe ihres inneren Reifungsprozesses, indem sie feststellt: »Meine Suche nach der Wahrheit war ein einziges Gebet« -ein herrliches Wort des Trostes für alle, die sich mit dem Gottesglau­ben schwertun! Schon die Suche nach Wahrheit ist zutiefst ein Su­chen nach Gott.

Unter dem starken Einfluß ihres Lehrers Husserl und seiner phänomenologischen Schule wandte sich die suchende Studentin immer entschiedener der Philosophie zu. Sie lernte allmählich, »alle Dinge vorurteilsfrei ins Auge zu fassen und alle >Scheuklappen< abzuwer­fen«. Durch die Begegnung mit Max Scheler in Göttingen kommt Edith Stein schließlich zum erstenmal mit katholischen Ideen in Be­rührung. Sie selbst schreibt darüber: Die Schranken der rationalisti­schen Vorurteile, in denen ich aufgewachsen war, ohne es zu wissen, fielen, und die Welt des Glaubens stand plötzlich vor mir. Menschen, mit denen ich täglich umging, zu denen ich mit Bewunderung auf­blickte, lebten darin.« Das lange Ringen um ihre persönliche Entscheidung für den Glauben an Jesus Christus fand erst 1921 ein Ende, als sie bei einer Freundin das autobiographische »Leben der heiligen Teresa von Avila« zu le­sen begann. Sie war sofort gefangen und hörte nicht mehr auf bis zum Ende: »Als ich das Buch schloß, sagte ich mir: Das ist die Wahr­heit!« Die ganze Nacht hindurch hatte sie gelesen bis zum Aufgang der Sonne. In dieser Nacht hat sie die Wahrheit gefunden, nicht die Wahrheit der Philosophie, sondern die Wahrheit in Person, das lie­bende Du Gottes. Edith Stein hatte die Wahrheit gesucht und Gott gefunden. Sie ließ sich unverzüglich taufen.

Der Empfang der Taufe bedeutete für Edith Stein keineswegs den Bruch mit ihrem jüdischen Volk. Sie sagte im Gegenteil: »Ich hatte die Praxis einer jüdischen Religion als Mädchen von vierzehn Jahren aufgegeben und fühlte mich erst nach meiner Rückkehr zu Gott wie­der jüdisch.« Sie ist sich stets dessen bewußt, »nicht nur geistig, sondern auch blutsmäßig zu Christus zu gehören«. Sie leidet selber zu­tiefst an dem großen Schmerz, den sie ihrer geliebten Mutter durch ihre Konversion hat zufügen müssen. Sie begleitet sie auch später noch zum Gottesdienst in die Synagoge und betet zusammen mit ihr die Psalmen. Auf die Feststellung ihrer Mutter, daß man also auch jü­disch fromm sein könne, gibt sie zur Antwort: »Gewiß - wenn man nichts anderes kennengelernt hat.«

Obwohl seit der Begegnung mit den Schriften der heiligen Teresa von Avila der Karmel das Ziel Edith Steins geworden war, mußte sie noch über ein Jahrzehnt warten, bis Christus ihr im Gebet den Weg zum Eintritt zeigte. In ihrer Tätigkeit als Lehrerin und Dozentin in der Schul- und Bildungsarbeit, meist in Speyer, zuletzt auch in Mün­ster, bemühte sie sich fortan, Wissenschaft und Glauben miteinander zu verbinden und gemeinsam weiterzuvermitteln. Dabei will sie nur »ein Werkzeug des Herrn« sein. »Wer zu mir kommt, den möchte ich zu ihm führen.« Zugleich lebt sie in dieser Zeit schon wie eine Klosterfrau, legt privat die drei Gelübde ab und wird zur großen, be­gnadeten Beterin. Aus ihrem intensiven Studium des heiligen Thomas von Aquin lernt sie, daß es möglich ist, »Wissenschaft als Gottes­dienst zu betreiben ... Nur darauf habe ich mich entschließen können, wieder ernstlich (nach der Konversion) an wissenschaftliche Arbeiten heranzugehen«. Bei aller Hochschätzung der Wissenschaft erkennt Edith Stein immer deutlicher, daß das Herz des Christseins nicht Wissenschaft, sondern Liebe ist.

Als Edith Stein schließlich im Jahre 1933 in den Kölner Karmel ein­tritt, bedeutet dieser Schritt für sie keine Flucht aus der Welt oder aus der Verantwortung, sondern ein um so entschiedeneres Eintreten in die Kreuzesnachfolge Christi. Sie sagt bei ihrem ersten Gespräch mit der dortigen Priorin: »Nicht die menschliche Tätigkeit kann uns hel­fen, sondern das Leiden Christi. Daran Anteil zu haben, ist mein Ver­langen.« Aus demselben Grund kann sie bei ihrer Einkleidung keinen anderen Wunsch äußern, »als im Orden >vom Kreuz< genannt zu wer­den«. Und auf das Andachtsbildchen zu ihrer ewigen Profeß läßt sie das Wort des heiligen Johannes vom Kreuz drucken: »Mein einziger Beruf ist fortan nur mehr lieben.«

"Wir verneigen uns heute mit der ganzen Kirche vor dieser großen Frau, die wir von jetzt an als Selige in Gottes Herrlichkeit anrufen dürfen; vor dieser großen Tochter Israels, die in Christus, dem Erlö­ser, die Erfüllung ihres Glaubens und ihrer Berufung für das Volk Gottes gefunden hat. Wer in den Karmel geht, der ist nach ihrer Überzeugung »für die Seinen nicht verloren, sondern erst eigentlich gewonnen; denn es ist ja unser Beruf, für alle vor Gott zu stehen«.

Seit sie »unter dem Kreuz« das Schicksal des Volkes Israels zu verste­hen begann, ließ sich unsere neue Selige von Christus immer tiefer in sein Erlösungsgeheimnis hineinnehmen, um in geistlicher Einheit mit ihm den vielfältigen Schmerz der Menschen tragen und das himmel­schreiende Unrecht in der Welt sühnen zu helfen. Als »Benedicta a cruce - die vom Kreuz Gesegnete« wollte sie mit Christus Kreuzträ­gerin sein für das Heil ihres Volkes, ihrer Kirche, der ganzen Welt. Sie bot sich Gott an als »Sühneopfer für den wahren Frieden« und vor allem für ihr bedrohtes und gedemütigtes jüdisches Volk. Nach­dem sie erkannt hatte, daß Gott wieder einmal schwer seine Hand auf sein Volk gelegt hatte, war sie davon überzeugt, »daß das Schick­sal dieses Volkes auch das meine war«.

Als Schwester Teresia Benedicta a cruce im Karmel von Echt ihr letz­tes theologisches Werk »Kreuzeswissenschaften« begann, das jedoch unvollendet blieb, da es in ihren eigenen Kreuzweg einmünden sollte, bemerkte sie: »Wenn wir von Kreuzeswissenschaft sprechen, so ist das nicht... bloße Theorie..., sondern lebendige, wirkliche und wirk­same Wahrheit«. Als die tödliche Bedrohung ihres jüdischen Volkes sich auch über ihr wie eine dunkle Wolke zusammenzog, war sie be­reit, mit ihrem eigenen Leben zu verwirklichen, was sie schon früher erkannt hatte: »Es gibt eine Berufung zum Leiden mit Christus und dadurch zum Mitwirken an seinem Erlösungswerk... Christus lebt in seinen Gliedern fort und leidet in ihnen fort; und das in Vereinigung mit dem Herrn ertragene Leiden ist Sein Leiden, eingestellt in das große Erlösungswerk und darin fruchtbar.«

Mit ihrem Volk und »für« ihr Volk ging Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz zusammen mit ihrer Schwester Rosa den Weg in die Ver­nichtung. Leid und Tod nimmt sie jedoch nicht nur passiv an, son­dern vereinigt diese bewußt mit der sühnenden Opfertat unseres Er­lösers Jesus Christus. »Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter seinen heilig­sten Willen mit Freude entgegen«, hatte sie einige Jahre zuvor in ih­rem Testament geschrieben: »Ich bitte den Herrn, daß er mein Lei­den und Sterben annehmen möge zu seiner Ehre und Verherrli­chung, für alle Anliegen ... der heiligen Kirche.« Der Herr hat diese ihre Bitte erhört. Die Kirche stellt uns heute Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz als selige Märtyrin, als Beispiel heroischer Christusnachfolge zur Verehrung und Nachahmung vor Augen. Öffnen wir uns der Bot­schaft dieser Frau des Geistes und der Wissenschaft, die als große Tochter des jüdischen Volkes und gläubige Christin, inmitten von Millionen unschuldig gemarterter Menschen in der Kreuzeswissen- schaft den Gipfel aller Weisheit erkannte. Sie sah das Kreuz mit aller Unerbittlichkeit auf sich zukommen; sie ist in allem Schrecken nicht vor ihm geflohen, sondern hat es in christlicher Hoffnung mit letzter Liebe und Hingabe umfangen und im Geheimnis des Osterglaubens sogar begrüßt; »Ave Crux, spes unica!« — »Edith Stein ist«, wie Kar­dinal Höffner in einem Hirtenschreiben gesagt hat, »ein Geschenk, ein Anruf und eine Verheißung für unsere Zeit. Möge sie Fürspreche­rin bei Gott für uns und für unser Volk und für alle Völker sein.« Wir verneigen uns tief vor dem Zeugnis des Lebens und Sterbens von Edith Stein, der herausragenden Tochter Israels und zugleich Toch­ter des Karmels, Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz, einer Per­sönlichkeit, die eine dramatische Synthese unseres Jahrhunderts in ihrem reichen Leben vereint. Die Synthese einer Geschichte voller tiefer Wunden, die noch immer schmerzen, für deren Heilung sich aber verantwortungsbewußte Männer und Frauen bis in unsere Tage immer wieder einsetzen; und zugleich die Synthese der vollen Wahr­heit über den Menschen, in einem Herzen, das so lange unruhig und unerfüllt blieb, »bis es schließlich Ruhe fand in Gott«. Wenn wir uns geistig an den Ort des Martyriums dieser großen Jüdin und christlichen Märtyrin begeben, an den Ort jenes schrecklichen Geschehens, das heute »Schoah« genannt wird, vernehmen wir zu­gleich die Stimme Christi, des Messias und Menschensohnes, des Herrn und Erlösers.

Als Bote des unergründlichen Heilsgeheimnisses Gottes spricht er zu der Frau aus Samaria am Jakobsbrunnen:

»Das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, da die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit: denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahr­heit anbeten« [Joh 4,22-24].

Selig gepriesen sei Edith Stein, Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz, eine wahre Anbeterin Gottes - in Geist und Wahrheit.


Mit freundlicher Genehmigung des CHRISTIANA-VERLAGEs entnommen dem Buch "Die neuen Heiligen der katholischen Kirche, Band 2"

(Quellenangabe: Ferdinand Holböck, Die neuen Heiligen der katholischen Kirche, Band 2)

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